Literatur zwischen Eichhörnchen und "coitus interruptus"
Hier lächelt Sandra Jamin (vorne rechts) etwas schüchtern. Von hinten gibt es immerhin sieben Punkte für ihren Auftritt beim Poetry Slam. Foto: Schulte, westline
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Münster (wl) - Sandra Jamin ist ganz und gar nicht entspannt. Unsicher rutscht sie auf dem Stuhl hinter dem kleinen Tisch hin und her. Eine rote Tischdecke liegt darauf, vier Kerzen brennen, ein Strauß Blumen, ein Aschenbecher, es könnte schlimmer sein. Wenn da nicht dieses verdammte Mikro wäre.
Hinter dem Mikro drängen sich viele neugierige Gesichter, ein ganzer Raum voller Zuhörer. Die 21-Jährige ist aus Rhede bei Bocholt angereist. Sie will lesen, eigene Gedichte, zum ersten Mal öffentlich.
Sandra Jamin ist eine von 13 Autoren, die am Donnerstagabend beim "Poetry Slam" in Münster antreten. Poetry Slam, zu deutsch etwa Dichterwettstreit, das ist die radikal demokratisierte Version der klassischen Lesung. Andi, nils_beat, Thilo oder Oliver heißen die Vorleser, sie rappen, sie dichten oder lesen ganz schlicht. Kein Autor hebt strafend die Augenbrauen, wenn im Saal während des Vortrags geflüstert oder gehüstelt wird. Bier fließt, Zigaretten qualmen, es ist ein Rauchersaal. Gelesen wird, was den Autoren erwähnenswert scheint, es gibt keine Genre-Regeln. Einzig die Uhr begrenzt das Mitteilungsbedürfnis. Sieben Minuten bleiben jedem Teilnehmer für den Vortrag, dann setzt der Moderator mit Musik unerbittlich ein Ende.
Christian Feischen und Klaus Woestmann sind die Organisatoren des Poetry Slams in der münsterischen Kneipe "Frauenstraße 24". Offiziell trägt die Veranstaltung den Namen "Wortwurf", derlei Wortspielereien gehören zum guten Ton der "Poetry-Slammer".

Markus Werner gewinnt den Poetry Slam. Hier lacht er selber über seinen Text. Es geht um ein Fischbrötchen. Foto: Schulte
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Wortwurf, Tatwort oder Sprechstunde
Einmal im Monat bieten Feischen und Woestmann eine Plattform für Literaten ganz unterschiedlicher Ausdrucksarten. So verschieden die Teilnehmer sind, so wechselhaft ist auch ihre Zahl. Mal sind es fünf, mal zehn, immer wieder traut sich auch ein Nachzügler spontan auf die Bühne. In Münster ist der "Wortwurf" der jüngere von zwei Reihen. In der Achtermannstraße am Bahnhof regiert der "Tatwort", mittlerweile 30 Ausgaben alt.
Quer durchs Land haben die wilden Leseabende mittlerweile Fans gefunden. In Dortmund beim "Wortmund", in Bochum beim "Club der lebenden Dichter", Witten bietet die "Sprechstunde" an.
Besser nie erdacht oder höchstes Gefühl?
Vom Zuhörer wird nicht nur Aufmerksamkeit gefordert, sondern Teilnahme. Jeder Vortrag wird bewertet, zumeist durch Punkte. Zehn Punkte, das ist das höchste der Gefühle. Ein Punkt: Dieser Text wäre wohl besser nie erdacht worden. Die Gewinner erreichen ein Finale, am Ende steht ein Sieger nach Punkten fest und darf kleine Sachpreise sein eigen nennen. Beim "Wortwurf" verteilte Christian Feischen am Donnerstag Bücher mit Münster-Bezug. Ein Buch von Poetry-Slam-Autoren, ein Buch, aus dem Armin Müller-Stahl zuletzt in Münster las und eines, das Elke Heidenreich mal gelobt hat. "Und die war bestimmt auch mal in Münster", so Feischens schlichte Erkenntnis.
Fischbrötchen mit Zwiebeln
Die Sieger stehen beim "Wortwurf" schnell fest, die Sympathien sind deutlich zu erkennen. Andreas Werner (36 Jahre) erzählt eine Geschichte von einem Fischbrötchen mit Zwiebeln und muss selber darüber lachen. Das kommt in der Frauenstraße gut an, anschließend flatten reihenweise zehn Punkte in die Höhe. Der gebürtige Stadtlohner Andi Lating (25) malt Worte in rasender Geschwindigkeit, das bringt Platz zwei. Nils Wernicke (31) punktet sich mit seinen improvisierten Raps auf Platz drei. Stichworte wie "Coitus interruptus" und "Eichhörnchen" ruft ihm das Publikum zu, die Stichworte verwandelt Wernicke spontan in komische Reime. Das reizvolle Wechselspiel aus offensichtlichem Unsinn und literarischem Können ist eben auch Teil des "Poetry Slams".
Für Sandra Jamin endet ihr erster Auftritt nach der Vorrunde. Sie nimmt es sportlich. "Ich habe was gelernt fürs nächste Mal", sagt sie lächelnd und macht sich auf den Heimweg nach Rhede.
Montag, 21. Juli 2008 | Carsten Schulte, westline