Veränderung in Münsters Kinolandschaft: "Man muss das Kino verraten, um es zu erhalten"
Das Cineplex, größtes Kino Münsters mit 2700 Plätzen. Foto: Schulte
>> großes Bild
Münster - Aus sieben mach drei. Keine Frage, Münsters Kinolandschaft erlebte schon einmal eine größere Blüte. Noch klingen die alten Namen vertraut, dabei sind sie längst Geschichte. Apollo, Fürstenhof, Roland, Metropolis, das Stadt New York, Schlosstheater und Cinema. Nur die beiden letztgenannten Kinos haben den Wandel überstanden. Eine Veränderung, auch ausgelöst durch das Großkino Cineplex, seit November 2000 Teil der Münsterschen Filmtheaterbetriebe GmbH.
Dass sich die Zahl der Kinos in Münster mit der Eröffnung des Cineplex reduzieren würde, war beschlossene Sache. Der Fürstenhof und das alte Apollo wurden zur Schließung ausgewählt und dienen seitdem als Warenhäuser.
Nachdem sich auch das große Roland-Theater am Hauptbahnhof schrittweise in ein Varieté-Theater verwandelte und das Metropolis seinen Betrieb aufgab, musste zuletzt das Stadt New York die Tür schließen. Ausgerechnet jenes Kino, das bei seiner Eröffnung 1989 noch als Beispiel und Vorreiter einer neuen Generation von Multiplexen diente.
Drei Kinos sind in der Stadt verblieben, von denen zwei eher eine Rolle als anspruchsvolle Programmkinos ausfüllen. Bleibt als einziges "Popcorn-Kino" das Cineplex. Ist Münsters Kinolandschaft, sein Ruf als Kinostadt in Gefahr?
"Nein", sagt Felix Esch, Chef der Filmtheaterbetriebe. Weiterhin "außergewöhnlich" sei das Angebot in der Domstadt. "Das melden uns auch unsere Verleiher zurück." Immerhin zwischen 40 und 50 Filmen flimmerten pro Woche über die 14 Leinwände der Stadt. "Aber damit sind wir ja nicht allein, Freiburg beispielsweise ist ganz ähnlich gestrickt."
Auch Thomas Behm, einer der Geschäftsführer des Cinema, betrachtet die Situation zumindest gelassen. "Das Angebot ist schon gut", meint er und verweist darauf, dass ja im Gegensatz zu anderen Städten kein Film in mehreren Kinos laufe. Allerdings könne man auch nicht mehr jeden Film zeigen. "Vor einigen Jahren gab es acht neue Filme pro Woche, heute sind es schon zehn. Das kriegen wir nicht mehr hin", so die Bilanz von Behm. Seine Sorge gilt einer größeren Entwicklung. "Viele Kneipen haben sich Beamer und Leinwände besorgt und nennen das jetzt Kino", kritisiert er. Auch Filmvorführungen in Stadtteilzentren sieht er mit Skepsis. "Jeder Münsteraner geht durchschnittlich 4,5 Mal pro Jahr ins Kino. Wenn er dann schon einen Film kostenlos gesehen hat, geht er vielleicht einmal weniger ins Kino." Die Wertigkeit des Kinos habe auch durch solche Angebote nachgelassen. Zu wenig Solidarität der Veranstalter mit den Kinobetreibern macht Behm hier aus.
Die Zeit der reinen Kinosäle ist nach seiner Einschätzung vorbei. "Wir haben pro Jahr rund 60.000 Besucher, das sind gerade 13 Zuschauer pro Film im Cinema." Wolle man von diesen niedrigen Zahlen weg, müsse sich das Kino weiterentwickeln. "Die Zukunft des Kinos liegt in multimedialer Funktion für Kongresse oder andere Veranstaltungen."
Eine Zukunft, die in Münsters Kinos heute schon Realität ist. Privatvorführungen im Cinema? Firmenfeiern oder Kongresse im Cineplex? "Machen wir alles heute schon", winkt Felix Esch ab. Gerade erst habe das Cineplex einen "Meilenstein" gesetzt mit seinen digitalen Live-Übertragungen aus der Metropolitan Opera in New York. "Und ich kann mir vorstellen, dass wir künftig noch andere Angebote stellen."
Möglich werden solche Nutzungen erst durch modernste Technik. Mit der gerade eingeführten 4K-Technik hat das Cineplex Münster bundesweit die Nase vorn. "Mit dieser neuen Projektionstechnik können wir eine vierfach bessere Auflösung als das Digitalfernsehen bieten", so Esch. Diesen hohen technischen Standard wolle man jetzt halten.
An jedem Tag stehen in Münster rund 3400 Kinoplätze zur Verfügung, davon 2700 allein im Cineplex. Ausreichend Platz also, wenngleich Thomas Behm bedauert: "Ich vermisse diese alten Kinos schon etwas. Säle, die auch als Kino gebaut wurden."
Überlegungen, ein neues Kino in Münster anzusiedeln, stehen Behm und Esch gleichermaßen kritisch gegenüber. Auf 300.000 Einwohner lässt sich nach Gutachten nur ein Großkino witschaftlich betreiben", so Esch. Auch aus diesem Grund habe die Stadt Münster vor einigen Jahren die Ansiedlung eines weiteren Multiplex-Kinos an der Grevener Straße abgelehnt. "Zudem befindet sich der Markt durch neue Techniken wie iPod, Handy und Heimkino im Umbruch." Noch sei nicht sicher, wie sich die Kinolandschaft künftig darstelle. "Wir werden das aufmerksam beobachten."
Alternativen sieht Thomas Behm dabei durchaus: "Warum nicht im Landesmuseum noch ein oder zwei Multifunktionssäle einrichten?"
Letztlich, so Behm, stehe Münsters Kinolandschaft (wie andernorts auch) an einem Scheideweg. Weg vom klassischen Kino hin zu einem multimedialen Erlebnis. "Vielleicht muss man das Kino selbst verraten, um das Kino zu erhalten."
Donnerstag, 10. Januar 2008 | Carsten Schulte, westline