Echt, original oder authentisch - Teure Missverständnisse
Echt oder Replik? Die chinesischen Terrakotta-Krieger sorgen für Aufregung. Foto: photocase
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Münster/Dortmund (wl) - Echt, original oder nur authentisch? Nicht immer muss ein authentisches Kunstwerk auch echt sein, selbst wenn es ein Original ist. Bewertungen dieser Art sind im Privatbereich eher Wortklauberei, für Museen können sie zu teuren Missverständnissen werden.
Ein aktuelles Beispiel zeigt die Problematik. Im Hamburger Völkerkundemuseum wurde in diesen die Ausstellung "Macht im Tod - die Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China" vorzeitig beendet. Nachdem erste Zweifel an der Herkunft der dort ausgestellten Terrakotta-Krieger aus einem chinesischen Kaisergrab bei Xi-an aufkamen, hakten die Museumsveranwortlichen nach.
In der Tat waren die Tonkrieger nicht so original, wie es die Leipziger Ausstellungsagentur "Center of Chinese Arts and Culture" (CCAC) die Hamburger glauben machen wollte. Etwas kleinlaut musste das CCAC einräumen, es handele sich bei den Kriegern keineswegs um Originale, sondern lediglich um authentische Nachbildungen.
"Made in China" also, kein Gütesiegel für das Museum.
Der Museumseklat in Hamburg sorgte auch in Dortmund für Interesse. Im dortigen Museum am Ostwall war eine ganz ähnliche Ausstellung 1990 Publikumsmagnet. Über 250.000 Besucher zählte das Dortmunder Museum am Ende. "Im Unterschied zur Hamburger Ausstellung haben wir das aber direkt mit den Kollegen in China organisiert", so Dr. Rosemarie Pahlke, Kuratorin am Museum. Ein Zufall half damals: Der Fundort der Terrakottakrieger liegt nur wenige Kilometer von Dortmunds Partnerstadt Xi-an entfernt. "Wir hatten damals sowohl Originale als auch Repliken", erinnert sich Pahlke. "Die waren allerdings entsprechend gekennzeichnet. Das Problem in Hamburg war ja, dass die Repliken nicht einmal zertifiziert waren." Einige der Ausstellungsstücke habe man nach Ende der Schau für den Rücktransport restauriert. "Dabei konnten wir dann feststellen, dass es sich um wirklich alte Stücke aus der Qin-Dynastie handelte.“
Wo immer mit Kunst gehandelt wird, sind Fälschungen oder Repliken ein Thema. Während Museen in den meisten Fällen selber über genug Fachwissen verfügen, um die Echtheit eines Kunstwerks zu beurteilen, müssen gelegentlich Fachleute ran. "Wir holen uns dann den Rat von Spezialisten des jeweiligen Fachgebietes", so Pahlke. Zugegeben: "So etwas wie absolute Sicherheit gibt es jedoch nicht."
Das Problem sieht auch Dr. Markus Müller, Leiter des Graphikmuseums Pablo Picasso in Münster. "Die Museen stehen heute unter einem enormen Leistungs- und Zeitdruck.“ Es gehe immer mehr darum, das Publikum mit Exklusivem, noch nie Dagewesenem zu locken. „Das ist die Versuchung, der wir manchmal unterliegen“, so Müller realistisch. In Münster versuche man Schwierigkeiten schon im Vorfeld aus dem Weg zu gehen. "Wir schließen grundsätzlich keine Verträge mit Agenturen, die für uns Ausstellungen organisieren." Man verhandele stattdessen direkt mit Künstlern oder Sammlern. "Gekauft wird meist direkt aus dem Atelier", so Müller.
Und wenn es doch einmal Zweifel gebe, dann helfe der Blick auf die Provenienz, die Herkunftsgeschichte eines Kunstwerks. "Wenn Ihnen ein Mann namens Wassily aus dem Kofferraum etwas verkaufen möchte, ist die Provenienz gleich Null." Wenn man aber von einem bekannten Sammler, der sich seit Jahren mit einem bestimmten Gebiet beschäftige, kauft, dann könne man Fehler minimieren.
Immer wieder kommt es in der Kunstszene zu Kontroversen. Erst im Herbst 2007 rückte die Eröffnung einer Ausstellung mit Werken des Malers und Bildhauers Hans Arp in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Bei den ausgestellten Objekten im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck konnte nicht geklärt werden, ob es sich um von Arp selbst autorisierte Werke handelte oder um spätere Nachgüsse oder Repliken. "Das ist ein Grenzbereich", so Markus Müller. Zwar sei es bei der Gussherstellung üblich, mehrere Abgüsse aus der Originalform vorzunehmen. Doch wenn dies posthum und ohne Wissen des Künstlers geschehe, dann fehle die künstlerische Authentizität. "Oder nehmen Sie mal das berühmte Werk «Der Denker von Rodin»", verweist Müller auf einen anderen Fall. "Der französische Staat als Rechteinhaber hat von dieser Skulptur sehr viele Abgüsse nach dem Tod von Rodin erstellt, die Sie nun in vielen Museen der Welt finden." Eine Grauzone, wie er findet. Denn der Künstler selber hat gar nicht mehr Hand an diese Werke gelegt.
Ausstellung Fälschung und Original
Das Graphikmuseum Pablo Picasso in Münster widmet dem Thema Fälschung und Original derzeit eine eigene Ausstellung. Kunstwerke von Dalí, Picasso oder Miró werden teils im Original ihren unechten Nachahmungen gegenübergestellt. Anhang einiger Musterfälle werden dabei auch die Verfahren dargestellt, die zur Entdeckung solcher Fälschungen geführt haben.
Noch bis zum 13. Januar 2008 zeigt das Picasso-Museum die Ausstellung "Wahre Lügen - Original und Fälschung im Dialog".
Dienstag, 18. Dezember 2007 | Carsten Schulte, westline