Kultur
"Man sollte nicht im Trüben fischen" / Martin Geck auf den Spuren von Wolfgang Amadeus Mozart
Gedenkt Wolfgang Amadeus Mozart an dessen Geburtstag mit einem selbst komponierten Ständchen: Musikprofessor Martin Geck. Foto: Appelhans
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Witten - Seine Mozart-Biografie ist ein Bestseller, seine Meinung hat Gewicht: Martin Geck ist seit 1976 Professor für Musikgeschichte und Musikästhetik an der Uni Dortmund. Seine Bücher über Bach und Wagner wurden in mehreren Sprachen übersetzt. Benedikt Wolbeck sprach mit dem 69-Jährigen.
Frage: Herr Prof. Dr. Geck, was werden Sie eigentlich am heutigen Tag machen?
Geck: Da werde ich im Bayerischen Rundfunk in einer Sendung über – nicht sehr überraschend – Mozart sprechen. Das wird eher eine vergnügliche Sendung, keine ehrfürchtige Sache. Ich werde ein von mir geschriebenes Lied über ein Warzenschwein, das Mozart liebt, singen.
Mozart als hysterischer Jüngling, so sieht man ihn im populären Amadeus-Film. Bloß ein Mythos?
Diese Darstellungen sind immer Rekonstruktionen. Und in jeder Rekonstruktion steckt ein Körnchen Wahrheit. Mozart war gewiss immer wieder ein Zappelphillip, ein ewiges Kind. Aber er war auch ein ernsthafter Künstler und ein liebender Ehemann. Vielleicht auch ein Schwerenöter. Man sollte nicht zu viel im Trüben fischen, sondern lieber einen liebevollen Blick auf sein Leben werfen.
Warum bewegt die Figur Mozart und die Musik noch heute?
In jeder Musik steckt ein Glücksversprechen. Deshalb lieben wir Musik. Bei Mozart erleben wir ein sehr reales und unmittelbar berührendes Glücksversprechen, das Glück am jeweiligen Moment unseres Lebens. Wir erleben, wie sich Mozart uns öffnet durch seine Musik. Da fühlt man sich beim Hören angesprochen.
Werden wir nach diesem Jahr geballter Mozart-Musik überhaupt noch Mozart hören können?
Natürlich kann ich jetzt sagen (laut) "Mozart wird man auch und gerade nach diesem Jahr immer noch hören wollen." Aber lassen Sie es mich anders formulieren: Ich hoffe, dass von den unzähligen Stücken, die wir in diesem Jahr hören werden, etwas ins Unbewusste der Hörer gelangt und in Erinnerung bleibt. Und so eine kleine Sehnsucht bleibt, es mal wieder zu hören. So habe ich das erlebt als 10-Jähriger.
Ihre früheste Mozart-Erinnerung?
Genau. In Recklinghausen gab es so genannte Schulkonzerte. Die anderen in meiner Klasse haben diese Veranstaltungen immer geringschätzig gesehen. Ich habe stets die Ohren gespitzt. Ich hörte damals das Klarinettenkonzert von Mozart. Und war sehr bewegt.
Wären Sie ihm gerne mal begegnet?
Ja klar, ich glaube jeder Schriftsteller würde mal liebend gerne dem Objekt seiner Arbeit begegnen. Aber den Künstlern wäre es bestimmt nicht recht, wenn wir ihnen heute auf Schritt und Tritt folgen würden.
Wie werden Sie das Mozart-Jahr verbringen?
Eine Woche Salzburg ist geplant. Ansonsten werde ich viele Lesungen mit meinem Mozart-Buch geben. 30 Auftritte in ganz Deutschland sind bislang geplant. Mein erster Auftritt in Harburg war vor 500 Leuten. Das war unglaublich. Ich war baff.
Ihr Buch ist ein Erfolg, wird in den Bestsellerlisten geführt.
Viele Musik-Liebhaber möchten über Musik lesen, sind aber enttäuscht. Entweder ist das Buch zu oberflächlich. Oder es ist von einem trockenen Wissenschaftler geschrieben. Ich versuche, mich beim Schreiben der Musik zuzuwenden und mich in den Leser hineinzuversetzen, wie sie die Musik erleben.
Der beste Einstieg für Mozart-Neulinge?
Ist immer live. Ich würde ihnen keine CD, sondern ein Konzert empfehlen. Da kommt es nicht darauf an, ob ein Virtuose spielt, sondern ab man die Lust besitzt, sich der Musik zu öffnen. Dann gebe ich die Garantie dafür, dass Mozart diese Lust befriedigen wird.
Lesetipp: Martin Geck: Mozart. Rowohlt, 24,90 Euro. ISBN 3-498-02492-2.
Donnerstag, 26. Januar 2006 | Benedikt Wolbeck