FC Schalke 04
Blutleer ins Mittelmaß - Nach der 1:2-Niederlage in Leverkusen platzt Trainer Fred Rutten der Kragen
Fred Rutten ist sauer: "Das passiert einer großen Mannschaft nicht." Foto: dpa
Leverkusen (wl) - Um 18.20 Uhr verließ Schalkes Mannschaftsbus die Baustelle BayArena – so schnell sind die S04-Profis nach einem Liga-Spiel selten mit dem Umziehen und Duschen fertig. "Die wollen im Bus die Sportschau sehen", vermutete ein S04-Anhänger, der nach der 1:2-Niederlage Gesprächsbedarf hatte.
Den gab es reichlich nach einem Auftritt, "der nicht zu Schalke gehört", wie Fred Rutten die ersten 45 Minuten seiner Mannschaft beim Spitzenreiter beschrieb. Weil auch die zweite Hälfte nicht viel besser lief und ihre Höhepunkte in einem wüsten, letztlich aber komplett unkoordinierten Sturmlauf der eine knappe halbe Stunde lang in Überzahl spielenden Schalker hatte (Gelb-Rot für Castro/67.), platzte dem Trainer danach öffentlich der Kragen – erstmals in seiner Amtszeit.
Auszüge aus Fred Ruttens Wutrede: "Im Fußball ist es möglich, dass mal ein oder zwei Spieler nicht auf dem Platz sind, aber nicht, dass acht oder neun nicht da sind. Auf Schalke gehört Arbeit. Wir haben das Spiel weggegeben. Das passiert einer großen Mannschaft nicht. Wer so eine erste Halbzeit abliefert, hat nicht Ansprüche auf Platz eins zu stellen. Ich lasse keine Ausreden zu."
Kevin Kuranyi, immerhin das ehrt ihn, suchte eine solche Ausrede erst gar nicht für sein Komplett-Versagen in der 19. Minute. Freier kann ein Stürmer kaum noch stehen als Schalkes zentraler Angreifer nach Zuspiel von Altintop – aber mehr blamieren kann man sich auch nicht. Kuranyi schaffte das Unmögliche, drosch den Ball aus ca. sechs Metern übers Tor – unfassbar. "Keine Frage, den muss ich machen", sprach Kuranyi, dem später das 2:1 gelang (85.), aus, was alle wussten.Es wäre zu einfach und nicht zielführend, Kuranyis Versagen in dieser Szene als alleinige Ursache für die Schalker Niederlage heranzuziehen.
Eine Schlüsselszene war es aber doch: Denn danach stellte Schalke das bis dahin immerhin noch ausreichende Spiel fast völlig ein, präsentierte sich erschreckend blutleer und kassierte zwei Treffer, die nun auch noch Zweifel am stärksten Mannschaftsteil aufkommen lassen – der Abwehr. Kobiashvilis Verhalten in der gesamten Torentstehung beim 1:0 durch Kießling (erst ein schlimmer Abspielfehler, dann nur Zuschauer im Zweikampf mit Vorbereiter Augusto) war ungenügend, und beim 2:0 sollte sich der viel zu langsam reagierende Bordon nicht mit der leichten Abseitsstellung von Helmes herausreden – Schalkes Abwehrchef versuchte es auch gar nicht.
Schalke hat acht Punkte Rückstand auf die Plätze eins und zwei, aber an diesen Tabellenregionen sollten sich die "Königsblauen" nicht ansatzweise orientieren. Schalke steht in der Tabelle da, wo diese Mannschaft derzeit hingehört – im Mittelfeld, weit weg von den eigenen Ansprüchen.
In Leverkusen patzte nun auch die Abwehr, der Angriff hatte diesen Namen nicht verdient – wie ein roter Faden zieht sich bei Schalke aber das gleichförmige Mittelfeldspiel durch die Saison. Jones und Ernst sind fleißige Arbeiter, denen kreative Fußballer-Begabungen aber nicht in die Wiege gelegt worden sind. Dafür hat Schalke sie auch nicht geholt. Orlando Engelaar soll diese Rolle wohl irgendwie ausfüllen, aber der Holländer ist mit dem Bundesliga-Tempo derzeit (noch) so überfordert, dass eine gelungene Ballannahme bei ihm schon als Erfolgserlebnis zu verbuchen ist.
Schalke hat wieder mal die Herbst-Krise – aber die unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von denen der Vorjahre. Denn mittlerweile haben sich Vereine wie Hoffenheim, Hertha BSC, Hamburg, Wolfsburg und Leverkusen so entwickelt, dass Schalke sich selbst für einen UEFA-Cup-Platz gewaltig strecken muss.Ignoriert Schalke die aktuelle Situation hartnäckig, wird der Mannschaftsbus die Stadien nach Auswärtsspielen wohl häufiger so früh verlassen. Denn die ARD-Sportschau zeigt in der Regel zuerst die Mittelfeld-Mannschaften. Also auch Schalke.
Sonntag, 16. November 2008 | Norbert Neubaum