"Wurzel Tradition pflegen und zum Wachsen anregen" / Vorsitzender der Fan-Abteilung ohne eigene Dauerkarte
Dortmund (wl) - Seit Dezember 2007 ist Dr. Götz Vollmann (35) neuer Vorsitzender der Fanabteilung bei Borussia Dortmund. Im Interview mit westline erzählt er von seinen Ideen und den Aufgaben, die künftig angegangen werden sollen.
Frage: Wir machen Ihnen ein Angebot, wir reden heute mit Ihnen nicht über Schalke!
Vollmann (lacht): In Ordnung.
Geht das überhaupt, als BVB-Fanvertreter dieses Thema außen vor zu lassen?
Ich meide dieses Thema natürlich gerne. Aber es ist schon in Ordnung, wir können auch über den Verein aus der Nachbarstadt reden.
Das nächste Derby gegen Schalke 04 steht an. Gibt es im Vorfeld vor dem Spiel am 10. Februar schon Kontakte mit Ihren Kollegen der Königsblauen Fanvertreter?
Nein, das ist noch zu früh, wird aber sicherlich kommen. Allerdings wird es da bei Borussia diesmal Änderungen geben. Es gibt zwei neue hauptamtliche Fanvertreter. Und wir müssen uns da auf unserer Seite jetzt noch abstimmen, wie da genau die Verantwortlichkeiten sind. Aber die Fanabteilung wird mit ihrer Erfahrung in dieser Frage sicherlich bei diesen Gesprächen dabei sein.
Mit welcher Strategie gehen Sie in die Gespräche? Gerade im vergangenen Jahr gab es bereits im Vorfeld hitzige Diskussionen.
Eine Rivalität zwischen dem BVB und den Freunden aus der Nachbarstadt wird es immer geben. Die einen füllen dieses Gefühl etwas ruppiger aus, die anderen gemäßigter. Daran wird sich nichts ändern. Es wird nie ein Kuschel-Derby geben. Das ist auch gut so und gehört dazu! Was nicht dazugehören darf, sind die Jagdszenen, die wir nach dem Derby im Mai 2007 auf den Straßen in Dortmund gesehen haben. Das hat der Fußball nicht verdient. Wir werden sicherlich kein Öl ins Feuer gießen. Und die Schalker werden das auch nicht tun. Zumindest dann nicht, wenn wir alle an einem vernünftig Ablauf des Derbys interessiert sind.
Beim Hallenturnier in Halle hat die Fangruppe "Desperados" gegen einen Wechsel von Jens Lehmann zum BVB protestiert. Hintergrund ist Lehmanns Vergangenheit als Schalker.
Zunächst mal war dieses Plakat meines Wissens gar nicht von den Desperados und lässt sich auch im Nachgang nur schwer einer Gruppe exakt zuordnen. Zu Lehmann selbst gibt es Fakten und Meinungen. Er ist nach Sicht unseres Bundestrainers der beste deutsche Torhüter. Das ist ein Fakt. Manche können mit ihm gut umgehen, andere nicht. Das scheint nach dem Wochenende offensichtlich. Wenn es mit Lehmann zum Vertragsabschluss kommen sollte, so ist dies eine Entscheidung der sportlichen Führung des BVB. Dass man dazu seine Meinung äußern darf, versteht sich von selbst. Wir hoffen allerdings, dass man sich mit diesem Thema sachlich auseinandersetzen kann, sollte Lehmann wirklich verpflichtet werden.
Bei Ihrer Wahl zum Vertreter der Fanabteilung haben Sie angekündigt, sich zu sportlichen und finanziellen Dingen nicht zu äußern. Mit Verlaub, wie soll das bei einem Verein wie Borusssia Dortmund gehen?
Auch hier nochmals: Es gibt Fakten und Meinungen. Das bezieht sich nicht nur auf die Person Jens Lehmann. Wir als Fanabteilung vertreten alle Fans. Wenn wir unsere persönlichen Meinungen zu Entscheidungen der sportlichen Führung äußern, ist es eine Illusion zu glauben, dass wir den Querschnitt der Fans repräsentieren. Und deshalb müssen wir versuchen, uns auf die Fakten zu beschränken. Im Fall Jens Lehmann bedeutet das: Äußern wir als Abteilungsvertreter persönliche Meinungen zu einer Verpflichtung, gießen wir sofort Öl ins Feuer. Und das darf nicht passieren. Meinungen soll sich jeder Fan selbst bilden. Wir dürfen aber als Fanvertreter keine Meinung vorgeben.
Wo stehen oder sitzen Sie im Signal-Iduna-Park?
Ich sitze. Allerdings habe ich im Augenblick aus familiären Gründen keine Dauerkarte. Hier habe ich eine Absprache mit meiner Frau. So lange wir noch so ein kleines Kind haben (19 Monate altes Mädchen, bereits Vereinsmitglied und mit BVB-Trikots und BVB-Schnuller ausgestattet, Anmerkung der Redaktion) gibt es keine Dauerkarte. Für mich stehen Familie und Beruf an erster Stelle. Ich bin sicherlich bei jedem Spiel da und helfe an unserem Info-Stand. Und wenn ich mich setze, dann nicht in den VIP-Bereich. Da kaufe ich mir die Karte selbst.
Wie wird Ihr zeitliches Engagement in Zukunft für den BVB aussehen?
Auf jeden Fall kann ich nicht so arbeiten wie mein Vorgänger Olaf Suplicki. Das ist klar. Er hat so viel Zeit investiert, das war außerirdisch. Das war aber auch vor meiner Wahl klar: Wir werden die Arbeit im Vorstand auf mehreren Schultern verteilen müssen. Das war und ist Teil unseres Konzeptes. Mein Job an der Uni in Bochum lässt es zum Beispiel nicht zu, dass ich tagsüber Termine wahrnehme. Wir dürfen auch nie vergessen, dass es sich um Ehrenamt handelt.
Was ändert sich in der Fanabteilung?
Wir strukturieren die Arbeit komplett neu. Vieles aus dem Tagesgeschäfts werden die neuen, hauptamtlichen Fanbetreuer erledigen (Jens Volke und Sebastian Walleit, Anmerkung der Redaktion). Da werden wir entlastet.
War die Einstellung von Jens Volke und Sebastian Walleit für Sie Voraussetzung für die Übernahme des Postens als Vorsitzender der Fanabteilung?
Das Problem der Fanabteilung war, dass so viel an Arbeitsaufwand geleistet wurde, das war durch ein Ehrenamt nicht zu schultern. Und so wurde, ganz abgesehen von den DFL-Statuten, die den Fanbetreuer auch vorsehen, der Ruf nach Hauptamtlichen immer wieder laut. 40 Stunden plus x im Beruf, dann die Arbeit für die Fanabteilung – das ist nicht machbar. So können wir uns jetzt den mittel- und langfristigen Aufgaben widmen. Also zum Beispiel Konzepte entwickeln.
Somit war die Entscheidung pro Volke/Walleit auch eine Entscheidung für unsere Arbeit.
Bei Ihrer Wahl im Dezember 2007 waren gerade einmal 90 Mitglieder von 2500 anwesend. Breite Rückendeckung bei einer Wahl sieht anders aus.
Ja, diese Zahl ist enttäuschend und traurig. Aber wir sehen auch, dass viele unserer Mitglieder von weit anreisen müssten. Das geht in vielen Fällen nicht. Wir haben deshalb extra einen Kompromiss gesucht und die Versammlung auf einen Samstagmorgen in Anschluss an das Heimspiel am Freitag gegen Bielefeld gelegt. Unser Konzept sieht aber auch hier genau das vor, nämlich unsere Mitglieder wieder zu aktivieren.
In den Internet-Foren mangelt es nicht an guten Ratschlägen.
Kritik, gerade in den Foren, wird schnell geäußert. Sich aber selbst aufzuraffen und selbst etwas zu tun ist für viele Fans problematisch. Da ist oft auch nicht der fehlende Mumm der Grund, oft ist es einfach fehlende Zeit. Das habe ich bei mir selbst ja auch gesehen.
Welche Rolle spielen die Foren generell für Ihre Arbeit?
Ich lese noch regelmäßig in den Foren. Ich weiß nicht, ob ich das weiterhin machen werde. (lacht). Manchmal ist es ganz schlau, wenn man sich nicht von der Meinung von anderen beeinflussen lässt. (lacht lauter). Spaß beiseite: Natürlich bin ich da im Internet unterwegs, wie viele im Verein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass zum Beispiel die Spieler da nicht auch ein Auge auf die Einträge werfen. Eins aber dürfen wir nicht vergessen: Das, was in den Foren passiert ist kein Querschnitt für das, was die 80.000 im Stadion denken. Viele von denen interessiert überhaupt nicht, was in den Foren abgeht. Für mich aber sind die Foren trotzdem ein Gradmesser für Stimmungen und das, was bei einigen Fangruppen so abgeht.
Wo sind die Grenzen?
Das was in Bremen mit Miroslav Klose passiert ist, wo gezielt Gerüchte über sein Privatleben gestreut wurden, das geht zu weit. Da frage ich mich schon, in welchem Geisteszustand da einige geschrieben haben. Generell wünsche ich mir da im Internet mehr Sachlichkeit. Außerdem habe ich oft das Gefühl, dass da einige Schreiber Meinungen äußern, die nicht die ihren sind, nur um zu einer bestimmten Gruppe zugehören.
Wie integriert fühlt sich der Vorsitzende der Fan-Abteilung im Gesamtverein?
Keiner darf den Fehler machen und den BVB nur mit Fußball in Verbindung bringen. Wir als Fan-Abteilung sind Teil des Vereins. Und da spielen die Amateur- und Jugendfußballer, die Tischtennis-Abteilung und die Handballerinnen eine große Rolle. Von allen habe ich mich in den letzten Wochen als sehr willkommen gefühlt. Rein formal stehen wir den anderen Abteilungen ja näher als den Profis in der Aktiengesellschaft. In der Realität sieht das natürlich anders aus. Aber der Zusammenhalt ist ganz klar da. In der schlechten Zeit der Handballerinnen ist das deutlich geworden. Die Fußball-Fans haben die Damen angefeuert.
Die Tradition des BVB spielt da einfach eine große Rolle.
Der BVB-Fan – das unbekannte Wesen. Wie positioniert sich die Fan-Abteilung neben Gruppen wie "The Unity" oder "Desperados"?
Das ist wie in der Mengenlehre. Zwischen all diesen Gruppen gibt es Schnittmengen und Teilmengen. Manchmal gibt es überhaupt keine Verknüpfungspunkte. Die Fan-Abteilung ist für alle Fans da, steht so in unserer Satzung. Für Mitglieder und Nicht-Mitglieder. Bei zukünftigen Entscheidungen werden wir immer, zum Beispiel durch Umfragen möglichst viele Meinungen abfragen, bevor wir wichtige Fakten schaffen. Eine wichtige Rolle wird da auch der neu zu besetzende Fan-Beirat spielen. Gerade die Fan-Clubs wollen wir über diese Schiene stärker wieder ins Boot holen.
Bei so vielen Teilmengen, macht da eine basisdemokratische Meinungsfindung überhaupt Sinn?
Wir wollen einen möglichst breiten Konsens herstellen. Auch wenn es dann natürlich Fans geben wird, denen unsere Entscheidung nicht passt. Und wir müssen auch mit keinem Fan-Club oder irgendeiner Gruppierung kuscheln. Dafür sind wir nicht da.
Nennen Sie uns ein praktisches Beispiel für so eine Meinungsfindung.
Wenn wir die 100-Jahr-Feier für Borussia Dortmund vorbereiten, denken wir daran, dem Verein seine Philosophie, seine Tradition zurückzugeben.
Warum zurückgeben?
Wir wollen die vergangenen Jahre aufarbeiten. Es gibt aus der Ära des finanziellen Kollapses eine massive Spaltung der Fan-Szene. Viele Fans sind heute dem Verein gegenüber viel kritischer, misstrauischer als das noch vor 10 Jahren der Fall war. Das ist ausdrücklich nicht grundlegend negativ, führt aber aus meiner Sicht teilweise zu Überkompensation. Will man hier wieder mehr Einigkeit auch untereinander schaffen, so kann Tradition ein sehr gutes Transportmittel sein. Wir wollen dazu die verschiedensten Gruppen an einen Tisch bringen. Der 70-jährige Tribünengänger, der 16-jährige Südtribünensteher – alle sollen uns mitteilen: Was macht für mich der BVB aus? Wir bereiten da jetzt als ersten Schritt eine Umfrage vor.
Was passiert dann mit dem Ergebnis?
Erst einmal ist das noch offen, da auch die Maßnahmen aus der Szene selbst heraus erwachsen sollen. Wir als Fanabteilung wollen da nix aufpfropfen. Eine Idee könnte sein, für die Fußball-Profis eine Tour zusammenzustellen, die aufzeigt, was Borussia Dortmund zum Beispiel für die Stadt Dortmund bedeutet. So würde dem Begriff "Tradition" wieder mehr Inhalt eingehaucht. Der Vorwurf, die Spieler wissen ja nicht, was es bedeutet für den BVB zu spielen, kommt ja immer wieder. Wenn man dann aber zehn Fans fragt, ja was bedeutet es denn, bekommen Sie zehn verschiedene Antworten. Einem Profi wie Alex Frei aus der Schweiz, der wirklich an der Schwarzen-Gelben Tradition interessiert ist, hilft das dann nicht recht weiter.
Aber die Frage nach den Inhalten bei der Tradition hätte vor zehn Jahren, als der Erfolg da war, niemand gestellt.
Das stimmt, aber anders herum wird ein Schuh draus. Gerade in den schweren Zeiten wird immer wieder die Tradition als Argument für den Zusammenhalt in den Vordergrund geschoben. Wenn Sie aber die Fans nach einer Definition fragen, werden Sie immer wieder auf Ratlosigkeit stoßen. Da herrscht Orientierungslosigkeit. Und deshalb müssen wir da auch mit den Worthülsen aufhören. Arbeiterverein BVB – das ist doch längst Vergangenheit. Es gibt kaum noch Schwerindustrie in Dortmund, keine Brauerei in Dortmunder Besitz. Zechen sind längst Geschichte.
Kommerz im Fußball, Fußball als Wirtschaftszweig: Wie realistisch ist es denn, einem Spieler, der vielleicht nur ein Jahr in Dortmund spielt, den Traditionsbegriff einzuimpfen?
Den Kommerz können und wollen wir nicht aufhalten. Das wäre blauäugig. Aber mit der Tradition wollen wir einen Kontrapunkt zum Kommerz setzen. Ein Gegenstück, das von Seiten der Fans ausgleichend wirkt und den Kommerz abfedert. Wenn wir Spieler wie Frei, Kehl, Dede, und Amedick anfixen könnten, glaube ich, dass der Funken auch auf die ganze Mannschaft überspringen könnte. Mein Traumspieler bei dieser Frage war Flemming Poulsen. Bei dem hast Du jede Minute gespürt, wie er sich mit dem Verein identifiziert hat.
Sie nehmen immer wieder das Wort gespaltene Fan-Szene in den Mund.
Der BVB ist unter Niebaum und Meier in Deutschland zum Motor des Kommerzes im Fußball geworden. Die Südtribüne wurde als Faustpfand aufgebaut. Nach dem Motto: Wir bekommen die Logen voll, weil wir ja die besten Fans der Liga auf dieser riesigen Tribüne stehen haben. Geldwerter Vorteil durch die Südtribüne. Aber mitreden durften diese Fans nicht. Man hat sie zudem jahrelang hinsichtlich der wahren Ausmaße des Problems belogen. Das hat die Fan-Szene gespalten. Hinsichtlich des Mitredens hat sich in den vergangenen Jahren einiges geändert. Aber es ist eine Menge Porzellan zerschlagen worden und gegenseitiges Mistrauen hat sich breit gemacht.
Wirtschaftlich hat sich der Verein zwar konsolidiert, aber es hat sich keiner die Zeit dafür genommen aufzuarbeiten, was in dieser Phase bei den Fans passiert ist, was dort im Verhältnis zum Verein geschehen ist.
Ist dann denn wirklich ein spezielles BVB-Problem? Ist dies bei anderen Verein nicht ähnlich.
Eins vorweg, Borussia Dortmund ist schon relativ einzigartig. Vergleiche mit anderen Vereinen sind da schwierig. Ich nehme unsere ungeliebten Nachbarn da aus. Auch wenn es einige nicht gerne hören. Die Schalker sind da aus ähnlichem Holz geschnitzt. Nur die Farbe ist anders. Vielleicht bekriegen wir uns ja seit Jahren, weil wir uns so ähnlich sind.
Ihre wichtigsten Aufgaben in den nächsten Wochen?
Das Potential, das in der 100-Jahrs-Feier 2009 und der Eröffnung des Borusseums (BVB-Museum, Anmerkung der Redaktion) steckt, müssen wir einfach nutzen. Die Wurzel "Tradition" ist beim BVB einfach stark. Wir müssen diese Wurzel nur fleißig gießen und wieder zum Wachsen anregen.
Donnerstag, 10. Januar 2008 | Interview: Carsten Linhoff, Carsten Schulte